Einfühlsam: Hunde kennen und spiegeln unseren Gefühlszustand

Hunde sind mehr als einfach nur Tiere, die bei uns leben. Mensch und Hund haben eine gemeinsame Geschichte, die Jahrtausende zurück reicht. Beinahe ebenso lange leben beide schon zusammen in sogenannten Symbiosen. Heute kann man davon ausgehen, dass Hunde uns mindestens genauso gut – in manchen Fällen sogar besser – kennen und lesen können, als wir sie.


An unserer Mimik, Stimmlage, Körperhaltung und -sprache, anhand unserer Bewegungen und unserem gesamten Körperausdrucksverhalten können sie erkennen, wie wir drauf sind, in welchem Gemüts- und Gefühlszustand wir uns befinden. Ich bin außerdem der Überzeugung, dass Hunde auch unsere Gesundheitszustände wahrnehmen können.

Es ist einfach so, dass wenn wir uns nicht gut fühlen, wir uns dadurch auch anders verhalten. Das ist auch bei Hunden so: Sie fangen dann z. B. an, uns zu beschützen, legen sich vielleicht neben uns, um uns Trost zu spenden etc. Sie wollen den Stress von uns weghalten.

Ein Beispiel aus meiner täglichen Coaching-Praxis
Eine junge Frau bat mich einmal um Hilfe, weil ihre 12-jährige Hündin mit einem Mal anfing, Krach zu machen und für sie untypisches Verhalten zu zeigen, sobald sie alleine bleiben sollte. In den Jahren zuvor war das jedoch nie ein Problem gewesen. Die Frau war ratlos.

Zunächst schauten wir uns den Gesundheitszustand der Hündin genauer an. Aufgrund ihres Alters waren körperliche Einschränkungen und Defizite nicht auszuschließen, die Ursache für ihr Verhalten hätten sein können. Doch dem war nicht so, die Hündin war altersentsprechend fit.

Es muss nicht immer am Hund liegen …
Da ich mich als Hundepsychologe und Coach aber nicht nur mit den Tieren, sondern auch mit den Hundehaltern beschäftige, unterhielt ich mich lange mit der Frau. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit als Kindergärtnerin und dass sie diesen Job eigentlich gerne mache. Wenn jemand das Wort »eigentlich« benutzt, zeigt das schon, dass etwas nicht stimmt. Die Frau berichtete mir, dass eine Kollegin für längere Zeit ausgefallen und dadurch großer Druck, zusätzliche Arbeit und viel Stress für sie entstanden seien. Parallel hatte sie außerdem noch eine Weiterbildung begonnen, welche zusätzlichen Stress bedeutete.

In dem Moment, in dem sie mir das berichtete, merkte ich bereits, dass sich ihr Körperausdrucksverhalten veränderte, sie war angespannt. Das Interessante war, dass sich zeitgleich auch das Verhalten ihrer Hündin, die zuvor ruhig war, änderte. Sie fing plötzlich an, an ihrem Frauchen zu kratzen, wollte unbedingt hoch auf den Schoß, wollte Aufmerksamkeit. Dabei handelte es sich auch um das Verhalten, dass die Hündin an den Tag legte, wenn die Frau morgens das Haus in Richtung Arbeit verließ.

Durch den Stress und die Gedanken daran verließ die Frau ihre Wohnung in einem anderen Gefühlszustand und damit auch mit einer anderen Körperhaltung, als das sonst der Fall war. Die Hündin hatte natürlich längst verstanden, dass diese Körperhaltung bedeutet, dass es ihrem Frauchen nicht gut geht. Und urplötzlich gab es eine Erklärung für das Verhalten der Hündin.

Wenn zum Beispiel Wölfe krank werden, werden die Tiere durch andere Artgenossen zur Ruhe gebracht. Sie müssen dann im Rudel keine Aufgaben mehr erledigen, die anderen Rudelmitglieder übernehmen die Aufgaben solange, bis es den kranken Tieren wieder besser geht.

Und wenn wir die These zugrunde legen, dass Hunde uns als ihren Familienersatz sehen und merken, dass es uns nicht gut geht, was werden sie wohl versuchen? Sie werden versuchen, uns in eine Situation zu bringen, in der wir wieder genesen können. Genau das hat auch die Hündin im Beispiel versucht.