Was eine Spinnenphobie mit dem Hund des Nachbarn zu tun hat

Vor nunmehr über einem Jahr sind meine Familie und ich in ein kleines Feriendorf gezogen. Wir lernten unsere Umgebung, unsere drei Hunde ihr neues Revier kennen. Nur wenige Menschen wohnen dauerhaft hier, die meisten sind Feriengäste.


Der Nachbarshund

Zu den „richtigen“ Einwohnern zählt eine Familie mit einem sehr großen Hund, mit dem es folgendes Zusammentreffen gab. Wir passierten das erste Mal den Garten der Familie, als deren Hund – wie aus dem Nichts – an den Gartenzaun gesprungen kam und mit einem lauten und tiefen Bellen klarmachte, was er von uns hält. Erschrocken gehen daraufhin auch unsere Hunde „ab wie ein Zäpfchen“. Mir stellt sich die Frage: Was ist neurologisch passiert in meinen Hunden?

Großes Bild erzeugt große Angst

Der Reiz [der sehr große Nachbarshund] war mit einem Mal da, kam unvermittelt und war aufgrund seiner direkten Nähe sehr groß vor uns allen repräsentiert. Die Hunde erschreckten sich: Ihre Emotion dazu war Angst, die im nächsten Moment in Aggression mündete. Auch ich erschreckte mich, doch die Schrecksekunde war schnell vorbei. Als NLPler ist mir klar, dass sich ins Gehirn meiner Hunde ein großes, also „attraktives“ Bild des Hundes – gepaart mit einem Gefühl des Erschreckens – eingebrannt hat, sprich: ein großes Bild mit sehr großer Emotion.

Eine kleine Spinne wird riesengroß

Ich erinnere mich an eine Analogie zum Entstehen einer Spinnenphobie bei einem Menschen:

  • Ein Kind befindet sich in Raum A. Es kennt das Wort „Spinne“ und seine Bedeutung.
  • Die Mutter des Kindes hat eine Spinnenphobie und befindet sich in Raum B. Beim Anblick einer kleinen Spinne schreit sie hysterisch: „Hilfe, eine Spinne!“.
  • Das Kind im Nachbarzimmer hört das Wort „Spinne“, imaginiert diese in seinem Gehirn und erschreckt sich, weil Mama sich erschreckt (angesteckt/übertragen von Mama durch den Aufschrei)
  • Das Kind wird dadurch den Begriff und das Aussehen der Spinne mit einem starken emotionalen Zustand verknüpfen und beim Anblick einer Spinne das Gefühl wieder erinnern und somit die Angst und das Erschrocken-Sein.

Fragt man einen Arachnophobiker, wie die Spinne in seinem Gehirn repräsentiert ist, also wie er die Spinne in höchster Angst „sieht“, ist das „Bild“ groß: Er würde die Spinne als RIESIG beschreiben. Vermutlich könnte man jedes einzelne Härchen auf dem Spinnenkörper sehr, sehr gut erkennen – ebenso wie jedes andere Detail des Spinnenkörpers.

Große Bilder beziehungsweise schnelle Bilder/Filme sind extrem attraktiv für das Gehirn („attraktiv“ im Sinne von anregend mit starker Emotion). Gleichwohl spielen noch andere sogenannte Submodalitäten bei der Repräsentation im Gehirn eine Rolle, zum Beispiel Farbe.

Der Hund am Gartenzaun und die Spinne im Nebenzimmer

Der Hund verknüpft Angst mit einer realen Situation (der plötzlich auftauchende und durch tiefes Bellen bedrohlich wirkende Hund), das Kind in vorangegangenem Beispiel entwickelt Angst (Hört es das Wort Spinne, wird sein Gehirn das „große“ Bild von einer Spinne kreieren).

In beiden Fällen erfolgt das „Lernen“ über das Limbische System. In der Hundewelt spricht man hier von den „4F“: Fight, Flight, Freeze und Flirt. Und was passiert, wenn der ehemals passierende Hund den Nachbarshund - gern auch in der Ferne und somit sehr klein im Hirn repräsentiert - erblickt? Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, das dessen Hirn dieses Bild sofort RIESENGROSS werden lässt (genau wie beim Erblicken der Spinne), die verknüpfte Emotion im Körper verursacht und das entsprechend Verhalten entsteht.

Auch wenn uns Menschen die Sprache von den Hunden unterscheidet – die Programmierung eine Hundehirnes funktioniert strukturell genauso wie beim Menschen. Auch beim Hund spielen „große“ Bilder – also Repräsentationen im Gehirn von Bildern/Filmen, Tönen, Gefühlen, Gerüchen und Geschmack bzw. deren Eigenschaften (Farbe, Größe, Lautstärke, woher kommt der Ton usw.) – eine wesentliche Rolle für deren Verarbeitung und damit verbundene Emotionen. Ist ja auch logisch, denn die Hunde verfügen über die gleichen Wahrnehmungskanäle wie wir Menschen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen).

Nachbarshund in Ruhe kennenlernen

Um große Bilder bei vorbeiziehenden Hunden zu vermeiden, lasse ich meine Hunde nur sehr, sehr selten in den Garten - und schon gar nicht alleine - denn dort werden sie tendenziell einen Job übernehmen: Bewachung!

Ich möchte den Hunden die Möglichkeit lassen, sich ganz in Ruhe und ohne Schrecksekunde kennen zu lernen, denn der erste Eindruck ist - auch bei Hunden - entscheidend dafür, ob der Nachbar(-hund) als Freund oder Feind angesehen wird und bestimmt maßgeblich die Beziehung und das Verhalten beider Hunde und deren Halter zueinander. Und wenns einmal vermasselt wurde, geht man sich lieber aus dem Weg...